Praktikum in Zeiten von Corona

Ein Gespräch mit Unternehmen, die auf Praktika setzen!

Bereits in diesem Jahr liegt der Rückgang der Schüler*innen, die in der Stadt Bielefeld direkt nach der Schule in eine Ausbildung gehen, bei 24%*. Und es ist möglich, dass sich die Situation für die Schüler*innen der jetzigen 10. Klasse noch einmal verschlechtert.

Die Kommunale Koordinierungsstelle der REGE mbH hat nach den Sommerferien vermehrte Rückmeldungen von Schulen erhalten, dass es für die Schüler*innen große Schwierigkeiten gibt, Praktikumsplätze zu finden. Dabei ist das Praktikum der entscheidende Baustein, um sich beruflich zu orientieren. Deshalb hat sich das Land NRW mit einem Appell an alle Unternehmen gerichtet, auch in Zeiten von Covid-19 weiter in die Nachwuchsförderung zu investieren.

Um das Thema der Umsetzung von Praktika in Zeiten von Corona in den Fokus zu stellen, hat Claudia Hilse, Leiterin der Kommunale Koordinierungsstelle Ende Oktober zu einem gemeinsamen Gespräch zwischen Mitarbeiter*innen der MöllerGroup, KIND Hörgeräte und dem Koordinator für Berufliche Orientierung der Gesamtschule Quelle eingeladen.

Von links: Heinrich Köhne – Gesamtschule Quelle, Jasmin Chantal Singendonk – Möller Group, Ann-Katrin Spencer – KIND Hörgeräte, Claudia Hilse – REGE mbH

Claudia Hilse: Wie erleben Sie die aktuelle Situation?

Heinrich Köhne – Gesamtschule Quelle: Für uns als Schule ist das Praktikum sehr, sehr wichtig. Das ist einmal der Kontakt zu den Betrieben selbst, der den Schüler*innen neue Erfahrungen ermöglicht – und natürlich das Ausprobieren, was einem Spaß machen könnte.

CH: Hörgeräte KIND hat trotz Corona weiterhin Praktika angeboten. Wie machen Sie das? Wo mussten Sie umdenken und umplanen?

Ann-Katrin Spencer – KIND Hörgeräte: Wir haben auch schon vor Covid-19 ein ausführliches Sicherheitskonzept und einen hohen Hygienestandard gehabt, da wir direkt am Kundenohr und teilweise im medizinischen Bereich arbeiten. Es dürfen aber aktuell weniger Kunden ins Fachgeschäft kommen. Die Praktikantin hat deshalb ein bisschen weniger Praxis miterlebt als die Jahre davor und mehr in der Werkstatt und im Büro mitbekommen.

CH: Haben Sie darüber nachgedacht, das Praktikum abzusagen?

AS: Nein, das haben wir bei uns mit der Zentrale abgeklärt. Die Schülerin hat ein Briefing zu unseren Hygienestandards bekommen. Die einzelnen Kund*innen wurden beim Kundenkontakt gefragt, ob sie einverstanden sind, dass die Praktikantin dabei ist.

CH: Die MöllerGroup stellt auch in diesem Schuljahr wieder sieben Praktikumsplätze zur Verfügung. Wie wird das organisiert?

Jasmin Chantal Singendonk – MöllerGroup: Wir sind ein Kooperationsunternehmen der Gesamtschule Quelle und waren auch in der Zeit beim Lockdown viel per Mail in Kontakt. Wir haben dann von unserem Krisenstab die Hinweise bekommen, unter welchen Bedingungen wir Praktikant*innen aufnehmen dürfen. Zum einen hieß es, wenn sie sich an die gleichen Regeln wie die Mitarbeiter*innen halten, wie Abstand halten und Maske tragen, können wir das realisieren. Außerdem haben wir die Praktikant*innen auf verschiedene Bereiche aufgeteilt, um die Abstandsvorkehrungen einhalten zu können. Zu Beginn gab es einen Standardfragebogen, ob man beispielsweise in einem Risikogebiet war. Die größte Herausforderung für die Schüler*innen war es, den ganzen Tag die Maske tragen zu müssen, aber das kennen sie ja auch aus der Schule.

CH: Wie hoch schätzen Sie den Mehraufwand ein, unter Covid-19 ein Praktikum durchzuführen?

JS: Das Bereitstellen eines Praktikumsplatzes ist natürlich etwas bürokratischer geworden und benötigt vorab mehr Kommunikation, da es regelmäßig gesetzliche Änderungen gibt. Aber wenn es eine gute Abstimmung gibt, ist alles möglich.

CH: Viele Schulen haben zurückgemeldet, dass bislang ein Großteil der Schüler*innen noch keinen Praktikumsplatz gefunden haben.  Wie sah an der Gesamtschule Quelle die Planung der Praktikumsphase aus? Gab es Herausforderungen und wenn ja, welche?

HK: Bereits vor den Sommerferien haben wir überlegt, ob und wie sich ein Praktikum umsetzen lässt. Wir kamen zu dem Ergebnis, das Praktikum nicht ausfallen zu lassen und stiegen in die konkreten Planungen ein. Ziel war es für möglichst alle Schüler*innen einen Praktikumsplatz zu finden, auch wenn es nicht immer im Traumberuf war. Was zählt ist, dass die Schüler*innen auch in dieser Zeit praktische Erfahrungen sammeln. Vor den Sommerferien hatten wir an unserer Schule fast 90 Schüler*innen ohne Praktikumsplatz. Diese alle zu beraten und unterzubringen war ein Kraftakt. Wir haben dann mit Schüler*innen gemeinsam bei Unternehmen angerufen und mit ihnen Bewerbungen geschrieben. Zudem haben wir nach Unternehmen gesucht, die auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln für die Schüler*innen erreichbar sind.

CH: Aus Sicht der beiden Unternehmen: Was würden Sie derzeit anderen Betrieben im Hinblick auf Praktikant*innen raten?

AS: Etwas mutiger und offener zu sein. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich fast alles umsetzen lässt und der zusätzliche Aufwand sehr gering ist. Für unsere Praktikant*innen gelten die gleichen Hygienebestimmungen wie für unsere Mitarbeiter*innen und Kund*innen, daher können wir sie mitberücksichtigen und hatten keinen Mehraufwand.

JS: Ich kann mich da anschließen. Auch wenn ein Betrieb nur eine geringere Anzahl an Praktikant*innen als sonst aufnehmen kann, ist es wichtig, offen zu sein und es zumindest auszuprobieren. Denn gerade für die Industrie- und Handwerksbetriebe gilt: Praktikant*innen sind potenzielle Kandidat*innen für eine Ausbildung.

HK: Was man aus Schulsicht noch ergänzen kann und was Unternehmen vielleicht auch noch bestärken kann, Praktikumsplätze anzubieten ist, dass Schüler*innen ihre Maske freiwillig auflassen. Wenn es um das Thema Covid-19 geht, sind sie sehr verantwortungsbewusst und betonen wie wichtig es ist, solidarisch zu sein. Wir als Berufsorientierungsteam an der Schule bereiten die Schüler*innen auf ein Praktikum vor, z.B.  klären wir über die Hygienestandards in Unternehmen auf.

CH: Wir wünschen Ihnen allen weiterhin viel Erfolg bei Ihrem Engagement für die berufliche Orientierung junger Menschen, hoffen, dass Sie anderen Unternehmen mit Ihrem Beispiel Mut machen und bedanken uns ganz herzlich für das sehr interessante Gespräch.

* Anm. d. REGE mbH: Zum Zeitpunkt des Pressetermins ergab sich aus den gemeldeten Zahlen ein Rückgang von 26%. Nach aktuellem Stand gibt es einen Rückgang von 24% bei betrieblichen Ausbildungen zum Vorjahr.

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